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Reden ist Gold

Obama kann es. Müntefering auch. Der Schwippschwager auf der Hochzeit konnte es nicht? Wie man eine Rede hält.

Reden ist Gold

Barack Obama weiß nur allzu gut: Eine gute Rede kann einen  Kandidaten zum  Präsidenten machen; eine schlechte Re de kann einen Präsidenten zu einem Ex-Präsidenten machen. Das bedeutet: Eine Rede will gelernt sein.

An Anlässen mangelt es nicht – an schlechten Rednern allerdings auch nicht. Auf Hochzeiten, Geburtstagen oder Weihnachtsfeiern birgt das Halten einer Rede die größtmögliche Gefahr, sich lächerlich zu machen. Was also macht eine gute Rede aus? Wir haben drei Menschen gefragt, die es wissen müssen: Andreas Franken, Geschäftsführer der Akademie Management-Kommunikation und Redenschreiben, Petra Ziegler, Sprechtrainerin aus Stuttgart, sowie Claudius Kroker, Vorstandsmitglied des Verbands der Redenschreiber deutscher Sprache.

Wie bereite ich mich vor?

„Am Anfang steht die Recherche“, sagt Andreas Franken. „Sie müssen zunächst einmal Fakten sammeln, über das Thema oder die Person. Aber auch Geschichten oder Zitate.“ Dabei gilt: Nicht alles ist wichtig. Mut zur Lücke! Oft lohnt sich ein Blick in die Namensforschung, „oder man schlägt nach, was passiert ist, zum Beispiel vor 20 oder 30 Jahren am Datum der Rede“,  sagt  Franken.  Claudius Kroker empfiehlt für die Recherche zudem, nach besonderen Gedenktagen zu suchen: „Der letzte Freitag im Juli ist zum Beispiel der Tag  des  Systemadministrators“, am letzten Freitag im September begeht die Welt den „Tag des deutschen Butterbrotes“ (auf Wikipedia gibt es eine umfangreiche Liste aller Gedenk- und Aktionstage). Die  recherchierten  Anregungen sollen  dazu  dienen,  so  Kroker, auch einmal originelle oder etwas abwegige   Bezüge   herzustellen, mit dem Erwartbaren zu brechen und so das Publikum mit einzubeziehen oder zu überraschen. „Und ich  muss  wissen,  vor  welchem Publikum ich rede“, sagt Kroker.

Ist es ein technisches Fachpublikum? Oder ein Laienpublikum? Ist es eine private Feier? Wie viel weiß mein Publikum? Erst wenn diese Fragen beantwortet sind, geht es ans Formulieren der Rede.Wie strukturiere ich meine Rede? Damit das Publikum einer Rede folgen  kann,  braucht  sie   eine Struktur. „Viele ungeübte Redner kommen   vom   Hölzchen   aufs Stöckchen“, klagt  Franken. „Sie erzählen und erzählen, so dass sich die armen Zuhörer fragen: Wann kommt er denn endlich zum Ende?“ Um so etwas zu vermeiden, empfiehlt er seinen Kunden unbedingt eine Gliederung. Zum Beispiel den Dreisatz: Wie war es gestern, wie ist es heute, wie wird es morgen sein? Das schafft Klarheit.

„Oder ich stelle fünf Fragen zum Thema oder zur Person“, schlägt er vor. So eine Ankündigung zu Beginn der Rede ist wie eine Richtschnur für die Zuhörer. So können sie sich orientieren – und der Rede leichter folgen. Dabei gilt: mindestens drei- und höchstens fünfgliedrig. Claudius Kroker      ergänzt: „Wichtig ist, dass man nicht die ganze Zeit auf den Hauptteil der Rede verwendet.“ Ein gelungener Einstieg und ein ebenso guter Schluss  sind  für  ihn  essenziell. „Nichts ist schlimmer als eine tolle Rede zu halten und am Ende eine Bruchlandung hinzulegen.  Denn nur die“, warnt Kroke, „werden die Zuhörer in Erinnerung behalten.“

Wie fange ich an?

„Die Zuhörer erwarten: Meine sehr verehrten Damen und Herren, ich freue mich, Sie zur  Veranstaltung XY begrüßen zu dürfen. . . Der Redner aber beginnt: Ja, ich lese die Bild-Zeitung. Und das hat gleich mehrere Gründe.“ Dieses Beispiel des Berliner Rhetoriktrainers Jens Kegel verdeutlicht, wie ein Redner mit den Erwartungen seiner Zuhörer brechen kann. Das Langweiligste, was ein Redner machen kann, ist Kegel zufolge, vorgefertigte und schon x-mal gehörte Satzschablonen zu benutzen.

Das ist gerade am Anfang einer Rede entscheidend: Unsere Aufmerksamkeitsspanne nimmt nach einer halben Minute rapide ab. In den ersten 30 Sekunden eines Vortrags  entscheiden wir also, ob wir einem Redner zuhören oder nicht.

Wie schreibe ich die Rede?

Von Franz Müntefering stammt das Zitat: „Ich kann nur kurze Sätze.“ Und nicht wenige halten Franz Müntefering – nicht zuletzt deshalb – für einen begnadeten Rhetoriker. Kurze Sätze prägen sich ein. Langen Verschachtelungen zu folgen ist weitaus schwieriger. Die Folge: Die Zuhörer schalten ab. Kommunikationsexperte Franken pflichtet bei: „Die Sprechsprache sollte im Präsens sein. Sie sollte viele Verben und wenige Substantive haben – und vorzugsweise aus kurzen Sätzen bestehen.“ Der Redenschreiber Kroker empfiehlt zudem, Sprachbilder einzubauen. „Ich kann natürlich einfach Bilanzzahlen nennen – oder aber ich erzähle, wie wir alle auf einer Bergtour unterwegs sind, wo es eben nicht immer nur bergauf, sondern auch mal bergab geht“, sagt Kroker. Das Beispiel gewinnt keinen Metaphern-Wettbewerb – aber solche Bilder machen es den Zuhörern einfacher, die Botschaften zu verstehen. Zitate sollte man sparsam einsetzen – und sorgsam auswählen. Auf wikiquote.de, zitate.de und anderen Internetportalen gibt es Zitate-Sammlungen, sortiert nach Themen, Stichworten und Personen. Steht das Rede-Manuskript, so gilt die Regel: mindestens einmal laut vorlesen.

Wie lang darf die Rede werden?

Ein  alter  Spruch  besagt:  „Man darf über alles reden, nur nicht über 15 Minuten“. Es stimmt jedenfalls: Gute Reden sind kurze Reden. Noch Ende der 80er Jahre sei das anders gewesen, sagt Franken. Da war eine Rede häufig 20 Minuten lang. „Heute dauern sie weniger als zehn Minuten“, sagt er. Der Trend geht zu kürzeren Reden, „weil man in kurzer Zeit Botschaften besser transportieren kann.“

Wie humorvoll darf die Rede sein? Schlimmer als eine schlechte Rede ist nur noch eines: ein schlechter Witz. Pointierter Humor aber kann einer Rede Glanz verleihen, überdies halten sich viele Redner für komisch – deshalb hier eine Warnung: Bloß keine Witze erzählen! „Die Zuschauer sagen entweder, der Witz ist alt – oder nicht lustig“, sagt Franken.

Besser sei es, aus der Situation heraus Humor entstehen zu lassen. Oder eine schöne, persönliche Anspielung oder lustige Situation wiederzugeben. „Je persönlicher, desto besser“, sagt Franken. Das ist gewiss nicht einfach, aber humorvollen Rednern hört man lieber zu als ernsten. Eine gute Rede sollte unterhaltsam sein, aber zum Anlass passen, findet auch Kommunikationsexperte        Franken.

„Trocken, steif und nur sachlich gefällt uns nicht mehr. Wir sind verwöhnt durch Fernsehen und Internet, so dass wir auch bei einer Rede ein bisschen unterhalten werden möchten.“

 

Lerne ich die Rede auswendig?

Die Frage ist nicht eindeutig zu beantworten. „Grundsätzlich beeindruckt es uns natürlich mehr, wenn jemand frei spricht, als wenn er an einem  Manuskript  klebt“,  sagt Franken. Jedoch räumt er ein, dass dies   nicht   jedem   liegt.   Auch Redenschreiber Kroke weiß: „Es gibt Menschen, die können improvisiert reden –  viele  können es nicht.“  Deswegen  sei  eine  gute Vorbereitung so wichtig. Dazu arbeitet Franken gern mit Karteikarten, auf denen er die wichtigsten Stichpunkte seiner  Rede  notiert. Anschließend übt er die Rede, mit Gestik, auch mal vor einem Spiegel. Wie lange? „So lange, bis es sitzt. Wenn ein Satz zu lang ist oder ich immer wieder über ein Wort stolpere, dann muss ich das ändern.“ Anschließend sucht er sich einen Vertrauten als ersten Zuhörer. „Jemand, der mir ehrliches Feedback gibt, sowohl darüber, was ich gut gemacht habe, als auch darüber, was mir noch nicht gelungen ist“, sagt er.

Wie übe ich das Reden?

Die Zunge ist neben den Stimmlippen  der  wichtigste  Muskel,  der beim Sprechen beansprucht wird, sagt die Stuttgarter Sprechtrainerin Petra Ziegler. Die Zunge kontrolliert den Luftstrom innerhalb der Mundhöhle und bestimmt, wie ein Ton klingt. Genauso wie Sportler vor einem Wettkampf ihre Muskeln aufwärmen, muss auch die Zunge vor einer Rede gelockert und gedehnt werden. Dazu empfiehlt Ziegler Lockerungsübungen für die Gesichts und Sprechmuskulatur:   Grimassen   schneiden, Lippen  vibrieren  lassen,  Breitmaulfrosch und Spitzmaulfrosch nachahmen,  Luftküsse  geben  – „all die Dinge, die wir als Kind gern gemacht haben“, sagt sie.

Damit die Zuhörer auch akustisch verstehen, was der Redner ihnen sagen möchte, rät Ziegler noch zu verschiedenen Einsprechübungen, die zur Klarheit der Sprache beitragen. Eine davon ist das Aufsagen  von  „ma-me-mi-mo-mu“:

Alle Vokale des Alphabets mit allen Konsonanten kombiniert einmal laut aufsagen. Dabei ruhig auch mal Tonhöhe und Sprechgeschwindigkeit variieren, fünf bis zehn Minuten lang. Ziegler macht diese Übungen täglich. „Es ist wie ein Ritual“, sagt sie: „Der Mund ist eingeschlafen, also muss man ihn wieder aufwecken. Jeder professionelle Sprecher macht sich vor einem Auftritt warm.“

Was tun gegen Lampenfieber?

Das beste Mittel gegen Lampenfieber ist eine gute Vorbereitung, meint Andreas Franken: „Dann kann man sich ruhig auch selbst sagen: Ich habe das so gut konzipiert, so gutes Feedback bekommen, das klappt auch.“ Vor Ort sollte man sich alles genau zeigen lassen. Wenn möglich, empfiehlt Franken, den Small Talk mit den Gästen zu suchen. „Man merkt dann, dass es nicht eine große Masse ist, sondern Menschen wie du und ich. Das beruhigt.“

Spricht der Redner über ein Mikrofon, ist unbedingt ein Soundcheck notwendig. Petra Ziegler rät dazu, mit einem Headset die eigene Stimme zu überprüfen und gegebenenfalls mit dem Tontechniker vor Ort die ideale Toneinstellung zu finden. „Kurz vor dem Auftritt stelle ich mich noch mal vor einen Spiegel und überprüfe Outfit und Körperhaltung“, sagt sie:  Brustbein  aufrichten,  nicht verkrampfen. Wer verspannt steht, redet auch so, sagt sie. „Dann spreche ich laut die ersten Sätze meiner Rede,  mit  Gestik  und  Mimik.“ Claudius Kroker warnt vor einem häufig  begangenen  Fehler:  der vorweggenommenen  Entschuldigung am Anfang. Damit sind Begrüßungssätze  gemeint  wie:  Eigentlich bin ich ja der Falsche für eine Rede, oder: Eigentlich kann ich  dazu  ja  gar  nichts sagen. . .

„Viele meinen, das wäre witzig oder charmant“, sagt Kroker, „Es kann einen Redner aber auch unglaubwürdig machen.“ Wer eine Rede vorbereitet hat, darf auch dazu stehen. Andreas Franken rät, den Vorredner genau zu beobachten (so es denn einen gibt), um ein Gefühl für das Publikum zu bekommen: Worüber lacht es? Was gefällt ihm beim Vorredner? Wird geklatscht?   Dann   mit   ruhigen Schritten nach vorne gehen – und einfach loslegen. „Die ersten drei, vier Sätze meiner Rede sollte ich auswendig können“, sagt Franken.

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Petra Ziegler – KLANGSTRUKTUR

Studium der Linguistik und Romanistik (M. A.). Schauspielerin, Sprecherin, Chansonsängerin, Synchronsprecherin und -autorin. Seit 1990 Coach und Managementtrainerin im In- und Ausland für Stimme und Sprechen. Fachautorin. Weiterbildung u. a. in NLP, Transaktionsanalyse, Gewaltfreier Kommunikation, Alexandertechnik und Clownerie.